Bindung ist das Verhältnis zwischen zwei Menschen. Verbundenheit, Vertrauen, Verständnis. Die Bindung zwischen Eltern und Kind ist dabei eine der wichtigsten und prägendsten Bindungen im Leben – von der einen wie von der anderen Seite.

Es ist eine Bindung, die uns alle von Grund auf beeinflusst – egal ob sie so eng und innig war, wie wir uns das wünschen, oder ob es an dieser entscheidenden Stelle gefehlt hat.

Wenn man sich unter Eltern umsieht, hört man viel über Ängste und Befürchtungen. Das betrifft vor allem Eltern mit Neugeborenen oder nur einem Kind. Aber auch die erfahrenen, routinierten Mütter und Väter sind nicht immun.

Keiner scheint sich wirklich sicher zu sein, wie Bindung eigentlich funktioniert.

Und wenn man ganz genau hinhört, dann hängt über allem auch ein Vorhang von Schuld.

Das Kind ist vom Wickeltisch gefallen. Das Kind hat zu lange geweint. Das Kind musste schon wieder zu Oma. Das Kind ist zu lange im Kindergarten. Das Kind wird ja jetzt schon verwöhnt.

Habe ich die Bindung zerstört? Wird mein Kind mit Angststörungen, Depression oder mangelndem Selbstbewusstsein aufwachsen müssen? Oder verweichliche ich mein Kind?

Die Erwartungen an Erziehende sind immens und von außen wird beobachtet, bewertet und mit guten Ratschlägen bombardiert.

Heute geht es um Informationen und darum, die Fragen zu stellen, mit denen sich wohl die meisten Eltern herumschlagen. Denn Wissen hilft, gibt Sicherheit und auch die Möglichkeit, den Kurs zu korrigieren.

Ich bin keine Psychologin und keine Verhaltensforscherin. Aber ich habe mich lange und ausführlich mit der Bindungstheorie beschäftigt, da ich auch auf der Suche nach Antworten war und immer noch bin.

Ihr findet in dieser Liste eine Zusammenfassung der Studien und Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, von Leuten, die sich fachkundig und eingehend mit dem Thema beschäftigt haben. Alles kondensiert in 25 Fragen und den Antworten dazu. Ich habe euch meine Quellen am Ende des Artikels verlinkt, falls ihr tiefer in das Thema einsteigen wollt.

1Was ist Bindung?

Bindung ist das, was zwischen zwei Menschen passiert, was ihre Beziehung prägt, was sie zusammenhält. In diesem Fall geht es um die kindliche Bindung zu seinen Bezugspersonen.

Wir alle werden mit dem Instinkt und der Fähigkeit geboren, uns an andere Personen zu binden. Es ist die Voraussetzung für unser Überleben. Denn allein können wir nichts. Zumindest nicht am Anfang unseres Lebens. Wir sind vollkommen abhängig von den Menschen, die uns umgeben. Wir sind auf ihre Sorge und ihren Schutz angewiesen.

Im Gegenzug hat die Natur den Eltern einen Fürsorge- und Schutzinstinkt mitgegeben, der dafür sorgt, dass Kinder versorgt und begleitet werden und in relativer Sicherheit aufwachsen können.

Diese zwei Kräfte, die von Kindern und den Eltern ausgehen und die in ihrere Wechselwirkung ein unsichtbares Band zwischen ihnen bilden, nennen wir Bindung.

2Welche Arten von Bindung gibt es?

Sichere Bindung

Die sichere Bindung ist das, was wir uns für unsere Kinder und natürlich für uns selbst wünschen. Sie ist die Idealform und sie ‚passiert‘ ganz natürlich und ganz von alleine, wenn die Eltern den Bedürfnissen der Kinder liebevoll, prompt und verlässlich nachkommen und diese auch erfüllen können.

Die sichere Bindung formt sich in erster Linie mit der Hauptbezugsperson, also der Person, die am engsten am Kind ist. Das ist in vielen Fällen- aber bei weitem nicht in allen – die Mutter.

Sicher gebundene Kinder vertrauen ihrer Hauptbezugsperson, scheuen sich nicht, Gefühle und Bedürfnisse zu zeigen und können die Reaktion der Bezugsperson mit relativer Sicherheit voraussehen.

Unsichere Bindung – vermeidend

Wenn das Kind in der Bindung zu seiner Hauptbezugsperson regelmäßig enttäuscht, zurückgewiesen oder sogar verletzt wird, dann entwickelt es eine unsichere Bindung.

Das Stichwort ist hier ‚regelmäßig‘. Oft sind die Erziehenden eher emotionslos gegenüber dem Kind, abweisend, genervt und reagieren nicht liebevoll oder feinfühlig auf seine Bedürfnisse.

Die betroffenen Kinder ziehen sich oft immer mehr zurück, bauen eine Art Schutzschicht auf und isolieren sich, um nicht weiter enttäuscht und verletzt zu werden.

Unsichere Bindung – ambivalent

Diese Art der unsicheren Bindung entsteht dann, wenn die Hauptbezugsperson unzuverlässig und wechselhaft ist.

Das Kind weiß nie so genau, wie Mama oder Papa reagieren werden. Mal liebevoll fürsorglich, mal abweisen. Sie können nie genau abschätzen, was gleich passiert.

Ambivalent gebundene Kinder sind oft sehr anhänglich, trauen sich selbst wenig zu und möchten Mama oder Papa kaum aus den Augen lassen.

Desorganisierte Bindung

Eine desorganisierte Bindung ist die für das Kind schädlichste Art der Bindung.

In diesem Fall hat das Kind Angst vor der Hauptbezugsperson. Sie ist eine Bedrohung vor der sich das Kind durch bestimmte Verhaltensweisen aktiv schützen muss.

Eine desorganisierte Bindung passiert nicht ‚einfach so‘. Sie ist ein Resultat von einem oder mehreren der folgenden Punkte:

  • Vernachlässigung und Nichterfüllen der Bedürfnisse des Kindes
  • Psychische und/oder körperliche Gewalt und Aggression. Entweder direkt gegen das Kind gerichtet, oder auch im Umfeld vorhanden (z.B. Gewalt oder Aggression gegen andere Familienangehörige)
  • Unberechenbare und nicht verlässliche Bezugspersonen

Desorganisiert gebundene Kinder distanzieren sich einerseits oft von ihren Bezugspersonen, da sie versuchen sich zu schützen. Auf der anderen Seite sind sie auf der Suche nach Zuwendung und Stabilität und binden sich sehr schnell an neue Personen. Sie klammern, haben große Verlustängste und sind oft sehr unsichere Kinder.

3Wozu braucht man eine sichere Bindung?

Die erste Bindung zu einer Hauptbezugsperson ist die Grundlage und auch die Vorlage für alle späteren Beziehungen, die das Kind eingehen wird.

Sie formt die Beziehungsfähigkeit. Natürlich ist die erste Bindung nicht die einzige Einflussgröße auf die Beziehungsfähigkeit, aber sie ist eine maßgebliche.

Die frühkindliche Bindung hat aber auch noch Einfluss auf mehr, als auf die direkten Beziehungen zu anderen Menschen.

Sie beeinflusst das Selbstbewustsein, die generelle Einstellung gegenüber sich selbst und auch Dinge wie Mut in neuen Situationen, Lernbereitschaft und Stressempfänglichkeit. Sie fördert Sprachentwicklung, soziale Kontakte und Konfliktfähigkeit.

Sicher gebundene Kinder sind statistisch gesehen emotional stabiler, können sich besser konzentrieren und haben ein besseres Gedächtnis. Sie haben ein größeres soziales Netzwerk und bessere Noten in der Schule.

4Wie kann man die Art der Bindung erkennen?

Bindung kann man am deutlichsten an Zuwendung erkennen – nicht nur im sprichwörtlichen, sondern im ganz wörtlichen Sinne.

Achtet darauf, was das Kind macht, wenn es sich weh tut, traurig, wütend, fröhlich, gelangweilt oder auch sehr stolz auf sich selbst ist.

Wendet es sich ohne Zögern einer bestimmten Person zu? Geht es unmittelbar zu Mama oder Papa, wenn ein kleines Malheur passiert? Möchte es auf den Arm genommen werden, geht es auf die Personen in seinem Umfeld zu? Rennt es Mama oder Papa in die Arme, wenn es vom Kindergarten abgeholt wird?

Sicher gebundene Kinder können ihre Gefühle teilen, da sie wissen, Rückhalt zu bekommen (auch der Trotzanfall beim Anziehen gehört dazu). Sie haben keine Angst vor Zurückweisung und wissen, dass ihre Bezugspersonen sich mit ihnen freuen, mit ihnen traurig sind, ihnen Trost ohne Vorwürfe geben und mit ihnen Stolz empfinden.

Sie können mutig nach vorne gehen, da Mama und Papa ihnen den Rücken freihalten.

Hinweis auf unsicher gebundene Kinder kann sein, wenn es diese Gefühle nicht angstfrei zeigen kann. Zieht sich das Kind vielleicht zurück und versucht allein mit seinen Sorgen klar zu kommen? Wendet es sich schnell und intensiv neuen Personen zu? Sucht es Halt bei Fremden? Versucht das Kind, Dinge zu verbergen? Versucht es nicht zu weinen oder erscheint gleichgültig, wenn Mama es im Kindergarten zurücklässt?

Daran kann man oft – aber auch nicht immer – die Art der Bindungen und auch die Bindungsfähigkeit eines Kindes ablesen. Zumindest dann, wenn man das Kind regelmäßig in unterschiedlichen Situation erlebt.

Bitte nicht die Bindungen eines Kindes nach einer einzigen Reaktion oder nach einem einzigen Moment ohne Kontext beurteilen. Auch ein sicher gebundenes Kind kann sich auf den Kindergarten und einen spannenden Spieltag mit seinen Freunden freuen und ist manchmal nicht sehr traurig, wenn Mama wieder geht. Auch ein sicher gebundenes Kind hat manchmal einen schlechten Tag und möchte sich auf dem Spielplatz nicht von Mama trennen.

Auch wenn ihr im Supermarkt ein fremdes Kind seht, dass ein Dutzend Eier umwirft und dann den Karton unter dem nächsten Regal versteckt, könnt ihr nicht direkt daraus schließen, dass es unsicher gebunden ist…

5Wie entsteht die Bindung zwischen Eltern und Kind?

Oft entsteht der Eindruck, dass Eltern – vor allem Mütter – etwas dafür tun müssen, damit Bindung überhaupt erst entstehen kann. Dass es echte, harte Arbeit ist.

Das Gegenteil ist der Fall.

Bindung ist etwas, das die Basis für den Fortbestand der Menschheit ist. Sie ist ein Urinstinkt, der unsere Entstehung und Entwicklung überhaupt erst möglich gemacht hat.

Daher ist Bindung etwas ganz natürliches, das in den ersten Wochen, Monaten und Jahren im leben eines Kindes von ganz allein entsteht.

Dafür braucht man keine Anleitung und kein Geheimwissen. Wenn Eltern liebevoll, angemessen und prompt auf die Bedürfnisse eines Babys und später eines Kindes reagieren, dann entsteht eine sichere Bindung.

6Was ist die sensible Phase der Bindung?

Sensible Phase wird die allererste Zeit nach der Geburt genannt, in der das Neugeborene zum ersten Mal Kontakt mit seiner Umwelt und seinen Eltern aufnimmt.

Das Kind erfährt zum ersten Mal, wer die wichtigsten Personen in seinem Leben sind und die Eltern sehen, riechen, spüren zum ersten Mal ihr Baby.

Die sensible Phase ist ein wichtiger Schritt in eine gemeinsame Zukunft als Familie. Hier werden auch die ersten Grundlagen für die Art der Bindung zwischen dem Baby und den Bezugspersonen gelegt. Das Baby erfährt, dass die Eltern sich kümmern, den Bedürfnissen nachkommen und Schutz geben.

Aber.

Es gibt genug Situationen, in denen diese Phase ‚verpasst‘ wird. Aus medizinischen Gründen, aus familiären Gründen, aus sonstigen Gründen. Ein Kind kann sich auch dann später sicher binden, wenn in der sensiblen Phase nicht alles optimal abläuft, die Bezugspersonen sich ändern oder es andere Unsicherheiten oder Probleme gibt. Manchmal dauert es dann halt ein bisschen länger.

7Wie festigt man die Bindung zwischen Eltern und Baby?

Die Bindung zwischen Eltern und Kind verfestigt sich, wenn Mutter und Vater auf ihr Baby achten, ihm zuhören und auf seine Bedürfnisse reagieren.

Das heißt direkt nach der Geburt in der sensiblen Phase: Wenn das Baby schreit, braucht es etwas. Es hat Hunger, ist müde, braucht Nähe oder muss pupsen.

Eure Aufgabe ist es, darauf zu reagieren und eurem Baby zu signalisieren: „Ich bin da, ich hab dich lieb, das kriegen wir zusammen schon irgendwie hin.“

Es ist okay, wenn ihr nicht immer sofort wisst was los ist und wie man es abstellen kann.

Es ist okay, wenn ihr nach 2 Stunden mit einem schreienden Baby auf dem Arm mal kurz 5 Minuten Pause braucht.

Es ist okay, wenn ihr die Verantwortung für das Baby auch mal dem anderen Elternteil, Opa, Oma, oder Tante Gertrud übertragt.

Es ist okay, wenn ihr eurem Baby Ersatzmilch gebt.

Es ist nicht okay, wenn ihr euer Baby regelmäßig schreien lasst und seine Bedürfnisse ignoriert.

Babys brauchen Nahrung, Geborgenheit, Nähe, Schutz und ab und zu mal eine frische Windel.

Leider können sie noch nicht in Worte fassen, was sie genau brauchen. Daher ist das Wichtigste für eine sichere Bindung, dass ihr auf die Signale eures Babys reagiert und euch liebevoll um das hilflose Wesen kümmert. Der Rest kommt in den allermeisten Fällen mit der Zeit.

Erst mit zunehmendem Alter werden dann auch die Bedürfnisse komplexer.

8Kann man ein Baby mit zu viel Bindung verwöhnen?

Das ist ein Gerücht, das sich vor allem in der Generation unserer Eltern und Großeltern hartnäckig hält. Oft mit dem hilfreichen Hinweis, dass früher alles härter war und die Kinder nicht so verweichlicht. Die Jungs haben oft noch mehr darunter zu leiden, als die Mädchen. Dabei brauchen alle Babys möglichst viel Zuwendung.

Und ich kann euch versichern: Ein Baby, vor allem einen Säugling, kann man nicht verwöhnen.

Wenn ihr auf die Bedürfnisse und das Schreien eures Babys liebevoll und prompt reagiert, dann werdet ihr ein kleines Kind bekommen, das sich sicher ist, Mama und Papa sind immer für sie da und halten ihr den Rücken frei. Solche Kinder gehen selbstbewusst und entscheidungsfreudig in die Welt hinaus, da sie sich auf ihre Wurzeln verlassen können.

Und solche Kinder können dann später auch mal ein selbstbewusstes ‚Nein‘ von Mama oder Papa vertragen, ohne dass ihre Welt gleich untergeht. Denn natürlich gehört das Grenzen setzen auch zu einem guten und gesunden Aufwachsen dazu. Aber das gilt noch nicht für Babys.

9Welche einfachen Verhaltensweisen stärken und sichern die Bindung?


Stellt euch Bindung wie ein immer wachsendes Steinhaus vor. Jedes Mal, wenn ihr auf euer Baby reagiert, euch um euer Kind kümmert, ihn geduldig begleitet, seine Bedürfnisse erfüllt, mit ihm spielt, die kleinen Füße kitzelt, kommt ein Stein hinzu und das Haus wächst.

Es sind kleinen Momente. Natürlich freut sich das Kind über das neueste Legomodell zum Geburtstag. Aber was es braucht, das sind nicht die großen Gesten, sondern die Beständigkeit und Konsequenz im Alltag.

Das gilt übrigens für alle Bindungen und Beziehungen. Egal wie alt oder in welchem Kontext.

Es geht einerseits darum, Fehler so gut wie möglich zu vermeiden und es darum, täglich die Bindung ein bisschen mehr zu stärken und auszubauen.

Das tut übrigens nicht nur den Kindern gut.

Deshalb habe ich ein paar Beispiele zusammengetragen, die ihr jeden Tag mit euren Babys und Kleinkindern machen könnt – aber nicht müsst. Denn es gibt hunderte von Möglichkeiten, Bindung zu stärken und im Alltag zu leben. Dazu gehört:

  • Körperliche Nähe durch Tragen von Babys, Kuscheln, gemeinsamen Mittagsschläfchen. Bei Babys ist direkter Hautkontakt besonders schön. Das schüttet das Hormon Oxitocin aus. Ein Hormon, das ganz wichtig ist, wenn es um Bindung geht.
  • Anschauen. Babys lieben es, ihren Eltern in die Augen zu schauen und genau zu betrachten, wer sich da um sie kümmert. Später ist Blickkontakt auch mit Kleinkindern sehr wichtig, gerade dann wenn sie uns den neuesten Klatsch aus dem Kindergarten erzählen (sonst hättet ihr vielleicht nie erfahren, dass die Leni schon wieder der Marie ihr Frühstück aufgegessen hat…).
  • Babymassagen.
  • Sprechen. Kommunizieren. Die Welt erklären, auch wenn das Baby noch nichts versteht. Später dann ausführliche gemeinsame Gespräche, Buch lesen. (==> hier ist ein Artikel über das Sprechen lernen, falls ihr mehr darüber erfahren wollt.)
  • Auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren. Auch wenn die Schwiegermutter behauptet, dass man das Kind damit verwöhnt.
  • Trösten. Immer trösten. Ja, auch Jungs, die sich das Knie aufgeschlagen haben. Die Trostphase ist auch nicht der richtige Zeitpunkt, um Vorwürfe zu machen. Das hat später noch genug Zeit.
  • Bewusstes Stillen bzw. genießen der Fläschchenzeit.
  • Babys wollen und sollen nicht allein gelassen werden. Sie sind nicht dafür geschaffen, allein in einem dunklen Raum in einem Bett zu liegen. Sie möchten bei ‚ihrer‘ Person sein.
  • Gemeinsames, bewusstes Zeit verbringen. Auch später mit Kleinkindern durch Spielen, Naturerkundungen, Lesen… Ungeteilte Aufmerksamkeit und keine Ablenkung durch Handy oder Fernseher ist ganz wichtig für die Bindung.
  • Singen oder Vorlesen, auch wenn die Kinder noch zu klein sind, um die Worte an sich zu verstehen.
  • Mit Kleinkindern kann man die Welt gemeinsam entdecken: Insekten, Pflanzen, Steine, Sand, Wasser…
  • Lernen, auf sich selbst zu achten und sich selbst gerne zu haben. Dazu gehört auch, Zeit für sich selbst zu nehmen und kein schlechtes Gewissen zu haben, das Kind auch mal ein paar Stunden oder Tage bei einer vertrauten Person zu lassen.

10Was hat Respekt mit einer gesunden Bindung zu tun?

Dieser Punkt ist einer, der erst in den letzten Jahren der Bindungsforschung vermehrt aufgegriffen wurde. Aus meiner Sicht ist er aber ein ganz wichtiger.

Denn Bindung ist nur ein Teil einer gesunden Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Und dort wo die Bindung aufhört, fängt der Respekt oder auch die Autonomie an.

Je älter das Kind wird, desto wichtiger ist es, eine gesunde Balance von beidem zu finden – und das ist nicht annähernd so kompliziert wie es sich anhört.

Bindung macht aus Babys sichere Kinder und selbstsichere Erwachsene, die auf einem soliden Fundament stehen. Respekt ist die Grundlage dafür, dass diese Kinder und Erwachsene gute Entscheidungen treffen können, Verantwortung übernehmen und unabhängig ihr Leben führen können.

Respekt fängt dabei ganz früh an. Und er funktioniert in beide Richtungen.

Erziehung wird um einiges leichter, wenn man sich so verhält, dass man den Respekt der Kinder auch verdient. Denn Erziehung hat wenig mit erklären und ganz viel mit vorleben zu tun.

Umgekehrt können Kinder nur dann die Verantwortung für ihr Verhalten und ihre Entscheidungen übernehmen, wenn man diese auch respektiert.

Ich möchte mir nicht anmaßen zu behaupten, dass das für alle Kinder funktioniert. Für uns hat es Wunder gewirkt. Und ich merke auch, dass meine Tochter ganz anders auf Verwandte reagiert, die ihr nicht mit dem nötigen Respekt begegnen, oder die sich nicht so verhalten, dass sie Respekt verdienen.

Aber weg von der Theorie. Was das im Einzelnen für Eltern und Kinder bedeuten kann an Hand von ein paar Beispielen. Es geht hier um Kinder ab dem Alter, in dem sie es verstehen können, bis etwa Schulalter. Also von anderthalb bis 5, in etwa. Bitte nicht festnageln.

Was man tun kann, um den Respekt eines Kindes zu verdienen:

  • Immer zu seinem Wort stehen. Das bedeutet, Versprechen einzuhalten und keine leeren Drohungen auszustellen.
  • Hilfsbereit sein. Das bedeutet, bei allem helfen, das die Kinder noch nicht alleine können.
  • Ehrlich sein.
  • Fragen beantworten und die Welt erklären. Und ja, manchmal geht mir beim zwanzigsten ‚Warum‘ auch die Geduld aus. Dann hilft oft eine Gegenfrage: ‚Was glaubst du denn, warum?‘
  • Nicht schimpfen. Nicht laut werden. Nicht fluchen. So wenig Aggression wie möglich zeigen. (Das ist der Idealfall. So ganz perfekt bin ich auch noch nicht…)
  • Zeit nehmen. Ungeteilte Aufmerksamkeit schenken.
  • Fehler einsehen, dafür Verantwortung übernehmen und sich dafür ehrlich entschuldigen.
  • Aufgeschlossen, interessiert und lernbereit sein.

Glaubt nicht, dass ich in allen Punkten perfekt bin. Aber es geht nicht um Perfektion. Es ist völlig okay, Fehler zu machen. Das gilt für alle.

Was man tun kann, um dem Kind Respekt zu zeigen:

  • Ein ‚Nein‘ akzeptieren. Egal ob es um Kleidung, Essen oder Küsse der Großmutter geht.
  • Verantwortung übergeben. z.B. für Hausarbeiten
  • Das Kind ernst nehmen und bei Entscheidungen zu Rate ziehen. z.B. was es zu Essen gibt, wohin man in den Urlaub fährt, was man im Fernsehen anschaut. Das heißt natürlich nicht, dass man immer das machen muss, was das Kind möchte.
  • Auch mit kleinen Kindern ernste Gespräche führen und ihnen zuhören.
  • Soviel Autonomie und Entscheidungsfreiheit wie möglich übertragen. Z.B. Kleidung, Essen, Aktivitäten.
  • Ehrlich sein. Es ist okay, einem Kind gegenüber auch mal Kritik zu üben.
  • Ehrlich interessiert sein am Kind und an dem, was es gerade beschäftigt.

Auch hier gilt: Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Und zu viel Autonomie ist auch nicht ideal. Die Entscheidungsfreiheit, die ihr eurem Kind gebt, hängt natürlich auch ganz sehr vom Alter ab und vom jeweiligen Kind.

Je früher ihr euch aber über Autonomie und Respekt Gedanken macht und je früher und kleiner ihr anfangt, desto bessere Entscheidungen werden eure Kinder treffen können, wenn sie älter sind.

Es kann gefährlich sein, Kinder zu lange alle Entscheidungen abzunehmen und sie vor den Konsequenzen zu bewahren. Denn je älter sie werden, desto größer sind auch die Auswirkungen von falschen Entscheidungen.

11Welche Verhaltensweisen verhindern eine sichere Bindung?

Bindungsstörungen entstehen dann, wenn Babys, Kleinkinder und ältere Kinder regelmäßig Verhaltensweisen ausgesetzt sind, die eine sichere Bindung verhindern oder stören.

Regelmäßig.

  • das Fehlen von körperlicher und emotionaler Nähe. Dazu gehört auch das Fehlen von Trost, regelmäßiges Schimpfen oder generell fehlendes Interesse am Kind.
  • regelmäßiges Schreien lassen und ignorieren
  • Nicht-erfüllen von Grundbedürfnissen wie Nahrung und Geborgenheit
  • Aggression – nicht nur gegenüber dem Kind selbst, sondern generell aggressives Verhalten wie Gewalt, Schreien, Drohungen.
  • Unzuverlässigkeit
  • Unberechenbares Verhalten

Ich weiß, dass viele sich jetzt fragen, was genau ‚regelmäßig‘ bedeutet. Daher kommt hier gleich die nächste Frage:

12Wie schnell wird aus einer sicheren Bindung eine unsichere Bindung? Zerstöre ich die Bindung, wenn ich mal nicht sofort reagiere?

Nein.

So eine Bindung ist keine Glasscheibe, die mit einem einzigen Schlag zerbrochen werden kann. Sie ist so robust, wie das Steinhaus, das ihr mit eurem täglichen Verhalten gegenüber dem Kind gebaut habt und über das wir schon weiter oben gesprochen haben.

Wenn ihr das Kind im Autositz schreien lasst, weil ihr auf der Autobahn unterwegs seid. Wenn ihr nicht sofort reagiert, weil ihr gerade unter der Dusche seid. Wenn ihr doch mal schimpft, weil die Nerven mit euch durchgehen, dann reist ihr das Gebäude nicht ein. Ihr legt lediglich keinen neuen Stein oben drauf. Oder vielleicht entfernt ihr auch mal einen.

Viel wichtiger sind die ganz vielen tagtäglichen Entscheidungen, die das Gebäude groß und stark werden lassen, so dass es irgendwann so stark ist, dass auch der dickste Sturm ihm nichts anhaben kann.

Eine solide Bindung ist standhaft.

Im Umkehrschluss bedeutet es natürlich auch, dass wenn eine Bindung keine Basis hat sondern nur ein einzelnes wackeliges Türmchen ist, dann reicht es nicht, einen Stein darauf zu legen, um sie zu reparieren.

Übrigens hängt es auch natürlich vom Kind ab, wie sensibel oder robust es gegenüber Verhaltensweisen ist, die nicht ideal für eine sichere Bindung sind. Kinder sind eigene Persönlichkeiten, die ihre ganz eigenen Bedürfnisse haben.

13Wann ist Bindung fertig?

Bindung ist nie fertig. Aber sie kann sich im Laufe der Zeit verändern. Gerade die Bindung zwischen Eltern und Kindern.

Das ist der Lauf der Dinge. Die Eltern werden älter, die Kinder werden erwachsen, die Bindung reift.

Aus einer unsicheren Bindung kann eine sichere Bindung werden und umgekehrt. Die Grenzen sind fließend und auch ein sicher gebundenes Kind kann unsichere Phasen haben.

Die gute Nachricht: Wie oben schon geschrieben bestimmt die Summe der kleinen, alltäglichen Dinge die Art der Bindung zu anderen Menschen. An jedem Punkt in eurem Leben könnt ihr die Bindung zu euren Kindern (genauso wie zu allen anderen Menschen) positiv beeinflussen und besser, stärker, robuster machen.

Denkt an das Gebäude aus Stein. Je mehr Steine ihr zu eurer Konstruktion hinzufügt, je mehr kleine Gesten und tagtäglichen Entscheidungen ihr trefft, um Bindungen zu stärken, desto solider und besser wird sie.

Vergesst die großen Gesten. Seid jeden Tag beständig, verlässlich und liebevoll.

14Kann eine schlechte Bindung wieder besser werden?

Wenn ihr die Fragen weiter oben gelesen habt, dann kennt ihr die Antwort schon: Grundsätzlich ja.

Aber es braucht Zeit, die richtigen Entscheidungen und Verhaltensweisen, und es braucht vor allem Veränderung der Beteiligten, damit Fehler der Vergangenheit nicht wieder gemacht werden.

Eine Bindung zum Positiven zu verändern ist immer möglich. Aber es ist keine einmalige Sache, sondern eine Aufgabe für jeden Tag für den Rest eures Lebens.

Am besten ist es, jetzt gleich damit anzufangen.

Ich rede ungern in Allgemeingrundsätzen, aber an dieser Stelle habe ich einen für euch: Eine schlechte Bindung zwischen Eltern und Kindern liegt in den allermeisten Fällen an den Eltern. Daher müssen sich die Eltern ändern, damit die Bindung besser werden kann.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen…

15Geht sichere Bindung ohne Mutter?

Wir Menschen sind genetisch programmiert, uns eine Person zu suchen, an die wir uns sicher binden können. Das ist die Grundlage dafür, dass wir überhaupt überleben können. Denn als Neugeborene sind wir in etwa so kompetent wie eine Kartoffel.

Diese Hauptbezugsperson muss aber nicht die Mutter sein. Sie muss nicht mal mit uns verwandt sein. Es ist einfach nur die Person, die sich am meisten und liebevollsten um uns sorgt und kümmert.

Damit kann diese Person die Mutter, der Vater, die Oma, der Opa, Adoptiveltern oder Pflegeeltern sein. Eben derjenige, der die Hauptverantwortung für die Pflege des Kindes übernimmt.

Solange das Kind eine Bezugsperson hat, an die es sicher gebunden ist, kann sich ein gesundes Beziehungssystem entwickeln.

16Funktioniert Bindung bei allen Kindern gleich?

Kinder sind auch nur Menschen 🙂 Sie haben ihre eigene Persönlichkeit und reagieren unterschiedlich auf ihre Eltern oder andere Bezugspersonen.

Daher gibt es Verhaltensweisen, die sich grundsätzlich positiv oder negativ auf die Bindung auswirken, aber wie genau das Kind darauf reagiert, hängt nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Persönlichkeit des Kindes ab.

Manche Kinder sind sehr robust und können trotz regelmäßiger ambivalenter Verhaltensweisen sicher gebunden sein.

Andere Kinder sind sensibler und reagieren viel schneller auf negative Verhaltensweisen.

Daher ist Bindung immer etwas, das zwischen zwei Menschen in Wechselwirkung passiert.

17Kann ein Kind mehrere Bezugspersonen haben?

Ein Kind hat eine Hauptbezugsperson. Das ist die Person, die sich hauptsächlich um das Kind kümmert.

Damit hört es aber natürlich noch nicht auf. Wenn es um das Bindungssystem von Kindern geht, wird oft von einer Bindungspyramide gesprochen.

Ganz oben steht die Hauptbezugsperson und dann geht es weiter mit anderen Bezugspersonen in einer Art Hierarchie.

Im klassischen Familienmodell wäre ganz oben die Mutter. Darunter dann Vater, Oma, Opa, Erzieherin und alle, die sich sonst noch um das Kind kümmern.

Die Hierarchie ist dabei nicht streng und auch nicht beständig. Selbst die Hauptbezugsperson kann sich im Laufe der Zeit ändern, wie sich auch die Arten der Beziehungen und Bindungen im Laufe der Zeit ändern können.

18Zerstört Schlaftraining die sichere Bindung zwischen Eltern und Baby?

Ein kontroverses Thema zu dem es einige mehr oder weniger verlässliche Studien gibt. So ganz traue ich keiner von diesen und auch die Psychologen und Verhaltensforscher sind sich nicht wirklich einig. Daher folgt an dieser Stelle meine ganz persönliche Meinung nach dem Lesen einschlägiger Forschungsergebnisse.

Schlaftrainings sind ein Trend, der hauptsächlich aus dem amerikanischen Raum zu uns überschwappt.

Die Studien zum Thema sagen, dass es wohl keinen großen Einfluss auf die Bindung der Kinder hat. Im Grunde stimme ich dem zu, möchte das aber nicht so ganz unkommentiert stehen lassen.

Denn Schlaftrainings entstehen ja nicht ohne Kontext. Die Frage ist also, warum die Eltern so ein Training mit ihrem Baby machen.

Geht es darum, dass Mama wieder zur Arbeit muss und den Schlaf braucht? Oder ist sie einfach so müde tagsüber, dass es allen Beteiligten besser geht, wenn das Kind durchschläft?

Dann ist es vielleicht tatsächlich besser so ein Training zu machen. Es wird die Bindung nicht zerstören. Zumindest dann, wenn ihr schon ein starkes Bindungsgebäude gebaut habt. Längerfristig wird es die Bindung vielleicht sogar stärken, wenn Mama wieder ausgeglichener ist, wenn die finanzielle Last nicht mehr so stark auf der Familie liegt oder wenn mehr Kinder dazukommen und es einfach nicht mehr geht, dass ein Kind die ganze Nacht vereinnahmt.

Und das meine ich mit Kontext. Denn ich glaube durchaus, dass Schlaftrainings Schaden anrichten können. Zumindest bei den Kindern, die eben nicht in einer starken, vertrauensvollen Bindung sind, und deren Haus auf einem wackeligen Fundament steht.

Aber allein werden Schlaftrainings eine sichere solide Bindung nicht zerstören können. Und dafür gibt es tatsächlich Studien.

Habe ich selbst so ein Training gemacht? Nein. Unsere Tochter war schon immer ein schlechter Schläfer und wir haben unser Bett geteilt, bis unsere Tochter 3 Jahre alt war.

Ob ihr es macht, ist eine Frage, die nur individuell für eure Umstände beantwortet werden kann. Bevor ihr ein Training angeht, würde ich euch raten, tiefer in das Thema einzusteigen und vielleicht auch mit eurem Kinderarzt darüber zu reden.

19Zerstört ein Kaiserschnitt die sichere Bindung?

Nein. Ganz ehrlich, manchmal fragt man sich, wo solche Gerüchte herkommen.

Die Art der Geburt hat nachgewiesenermaßen Einfluss auf die ersten Tage. Das betrifft aber nicht nur den Kaiserschnitt, sondern jede Art von traumatischer Geburt.

Das liegt hauptsächlich daran, dass es die Mutter beeinflusst. Denn eine traumatische Geburt – oder auch nur eine Geburt, die wesentlich von den Erwartungen der Eltern abweicht – kann den Hormonhaushalt, das Gefühlsleben, die körperliche Verfassung und damit natürlich auch das Verhalten beeinflussen.

Auch wenn das Neugeborene nach der Geburt nicht direkt zur Mutter kann – z.B. weil es medizinisch versorgt werden muss- hat das negativen Einfluss.

Bindung ist aber etwas Langfristiges. Es hört nicht nach der Geburt auf. Es fängt dann erst an. Babys, die mit Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, haben nachweislich die gleichen Bindungsraten wie Babys, die auf natürliche Weise geboren wurden.

Und wenn ihr selbst nach einer traumatischen Geburt Probleme wie Ängste, Despressionen oder Bindungsstörungen erfahrt, dann sucht euren Arzt auf. Euch kann geholfen werden!

20Muss man für eine sichere Bindung stillen?

Nein.

Grundlage für eine gute Bindung ist ein Baby, das Nahrung bekommt, wenn es hungrig ist. Bei vielen Müttern geht das wesentlich besser über Ersatzmilch. Auf die Bindung hat das wenig Einfluss.

Es stimmt, dass das Stillen sehr gut für die Bindung zwischen Mutter und Kind ist, aber auch das Füttern mit der Flasche kann sehr innig sein. Und auch beim Fläschchenfüttern kann man Hautkontakt herstellen.

Keine Sorge. Auch Flaschenkinder können sich sicher binden.

21Können Mütter, die arbeiten gehen, eine gesunde, sichere Bindung aufbauen?

Dieses Argument wird ganz oft dann genutzt, wenn man arbeitende Mütter angreifen möchte. Andersherum wird aber auch den Hausfrauen unter uns ein schlechtes Gewissen gemacht, da sie offenbar nicht genug beitragen.

Ohren zu. Man kann es nie allen recht machen.

Aber zurück zum Thema. Der Mensch an sich ist ein Herdentier. Wir haben schon immer in Gruppen, Stämmen und Gesellschaften gelebt. Kinder wurden schon immer von mehreren Menschen aufgezogen.

Früher waren das Verwandte. Heute ist das oft die Kita oder später der Kindergarten.

Einer guten Bindung schadet das nicht, allerdings müsst ihr als Eltern akzeptieren, dass auch die Betreuer im Kindergarten oder anderen Einrichtungen wichtige Bezugspersonen für das Kind sind und als solche behandelt werden müssen.

Häufige Wechsel oder Erzieher die plötzlich aus dem Leben verschwinden, haben Einfluss auf das Kind.

Auf der anderen Seite kann die Kita auch ein echter Gewinn sein. Gerade dann, wenn im Umfeld des Kindes nicht viele andere Kinder im gleichen Alter vorhanden sind. Oder auch wenn am Ende des Tages eine entspannte Mama das Kind abholt und dann auch Zeit hat.

22Muss man für eine gute Bindung dem Kind jeden Wunsch erfüllen?

Es stimm schon. Wie ich schon weiter oben geschrieben habe, kann man ein Baby nicht verwöhnen. Wenn ein Neugeborenes oder ein Säugling oder auch ein etwas älteres Baby schreit, dann sollte man prompt reagieren und sich um die Bedürfnisse des kleinen Zwergs kümmern.

Aber aus einem Baby wird irgendwann auch ein Kleinkind. Und dann ist es wichtig, das Kleinkind auch als echte Person zu behandeln. Und so eine Person hat nicht nur Wünsche und Bedürfnisse, sondern auch Pflichten und Verantwortungen. Und dazu gehört es auch, ab und zu mal ‚Nein‘ zu hören.

Liebevoll, verständnisvoll, aber bestimmt.

23Bedeutet sichere Bindung, dass ich mein Kind vor allen Gefahren schützen muss?

Nein, das bedeutet es nicht. Oder zumindest nur eingeschränkt.

Denn natürlich gehört es zu den Aufgaben der Eltern, dass wir unsere Kinder schützen. Je kleiner sie sind, desto mehr Schutz brauchen sie.

Ein Neugeborenes ist komplett hilflos und muss vor allen negativen Einflüssen geschützt werden.

Aber mit praktisch jedem Tag, an dem das Baby älter wird, erwachsener wird, vernünftiger wird, steigt auch seine Fähigkeit, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen.

Je früher unsere Kinder lernen, richtige Entscheidungen zu treffen, desto kompetentere Erwachsene werden sie einmal werden.

Und dazu gehört auch, dass Kinder es lernen, Risiken richtig einzuschätzen und Gefahren zu erkennen und eben auch mal mit den Folgen leben zu müssen.

Das heißt natürlich nicht, dass man ein zweijähriges Kind ohne Aufsicht auf die Straße lässt.

Aber es kann durchaus bedeuten, dass das Kind auch mal auf den Baum klettern darf, selbst entscheidet ob es eine Jacke anzieht und im Haushalt mithilft – ja, auch beim Gemüse schneiden.

Das stärkt das Selbstbewusstsein, die Kompetenz und letztendlich auch die Bindung.

24An wen kann ich mich wenden, wenn etwas mit der Bindung zu meinem Kind nicht stimmt?

Je früher ihr euch Hilfe sucht, wenn ihr merkt, dass etwas nicht stimmt, desto eher kann euch und eurem Kind geholfen werden.

Der erste Ansprechpartner ist oft der Kinderarzt. Mit ihm kann man über mögliche Probleme, Ursachen und Lösungen sprechen. Dieser kann auch Zugang zu weiteren Ressourcen verschaffen.

Bei Bindungsproblemen kurz nach der Geburt ist auch die Hebamme ein guter Ansprechpartner. Die Kosten einer Nachsorge-Hebamme werden in den allermeisten Fällen von der Krankenkasse übernommen. Ich rate allen Müttern, das Angebot in Anspruch zu nehmen. Die täglichen Besuche der Hebamme sind ein perfekter Rahmen, um über die Bindung zu sprechen und auch um erste Probleme wie etwa Ängste, Sorgen, Unsicherheiten oder auch ernstere Dinge wie Post-Partum-Depressionen anzusprechen.

Nutzt auch euer privates Netzwerk. Redet mit eurem Partner, mit Freunden oder Verwandten, denen ihr vertrauen könnt. Sucht das Gespräch zu Erziehern oder anderen Betreuern eurer Kinder.

Befragt Google nach spezialisierten Ressourcen wie z.B. Schlafkliniken oder Schreizambulanzen, Kindertherapeuten oder auch einfach nur, um sich zu informieren.

Je früher ihr um Hilfe bittet, desto besser. Manchmal braucht man einfach einen Spezialisten. Das hat nichts mit Versagen zu tun. Im Gegenteil.

25Welche Bücher und Ressourcen gibt es zum Thema Bindung?

Quellen für diesen Artikel. Für alle, die sich mehr mit dem Thema beschäftigen möchten.

Empfehlenswerte Bücher über Bindung und Bindungstheorie:

Karl-Heinz Brisch: SAFE® – Sichere Ausbildung für Eltern: Sichere Bindung zwischen Eltern und Kind (Link zu Amazon)

Karl-Heinz Brisch: Bindungsstörungen: von der Bindungstheorie zur Therapie (Link zu Amazon)

Rüdiger Posth: Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen: Das Bindungskonzept in der emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes (Link zu Amazon)

Weitere Ressourcen und Links:

Caroline L. Bokhorst, et al: The Importance of Shared Environment in Mother-Infant Attachment Security: A Behavioral Genetic Study. 

https://www.gaimh.org/

https://www.safe-programm.de

https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie

https://www.theatlantic.com/health/archive/2012/05/what-everyones-missing-in-the-attachment-parenting-debate/257918/

https://www.tagesspiegel.de/wissen/psychologie-drum-pruefe-gut-wie-frueh-es-sich-bindet/7195232-all.html

So. Das war wesentlich länger, als ich gedacht habe. Das liegt einfach daran, dass ich persönlich glaube, dass Bindung im Zusammenhang mit Respekt und Autonomie so ziemlich das Wichtigste ist und die Grundlage für all das, was wir Erziehung nennen.

Seid nett zu euch selbst und euren Kindern. Sie sind auch nur Menschen.

Vielen lieben Dank an alle, die bis hierher durchgehalten haben.

Und wenn ihr noch Fragen habt, dann schreibt mir einen Kommentar 🙂 Liebe Grüße

Eure Katja

2 KOMMENTARE

  1. Hallo, meine Frage war: Gibt es eine Veränderung bei der sicheren Bindung, wenn mein Kind den Hort besuchen muss? Können Sie mir dazu geeignete Literatur empfehlen? Oder haben Sie eine Antwort. Vielen Dank Maria

    • Eine große Veränderung wie ein Hortbesuch hat natürlich immer Einfluss auf die verschiedenen Beziehungen und Bindungen im Leben eines Kindes. Wie der Einfluss aussieht und wie sich die einzelnen Bindungen entwickeln und verändern hängt aber von ganz vielen Faktoren ab und kann von außen unmöglich beurteilt werden. Die Bücher von Karl Heinz Brisch beantworten bestimmt einige Fragen. Zusätzlich dazu würde ich in jedem Fall engen Kontakt zu den Erziehern/innen halten. Das sind in dem Fall die Spezialisten für eure Familie.
      LG Katja

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